Pflegeverständnis - Pflege aus einer Hand gGmbH

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Pflegeverständnis

Das zentrale Handeln von Pflegenden erschließt sich und wird sichtbar in der Begegnung mit den Pflegebedürftigen. Pflege ist ein Prozess zwischen Menschen, die in ihre soziokulturelle, politische und ökologische Umwelt eingebettet sind. Anlehnend an Watzlawicks (1983) Kommunikationstheorie kann gesagt werden, dass Pflegende nicht nicht in Beziehung sein können. Pflegende treten über ihre pflegerischen Handlungen mit den kranken Menschen in Kontakt.

Die Pflegebeziehung kann als Kern der Pflegetätigkeit und Voraussetzung für eine verantwortliche Pflege angesehen werden, in der die Betroffenen Subjekte bleiben und Pflege sich an ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten orientiert. Die pflegerische Beziehung bildet sozusagen das ´Herz` der pflegerischen Praxis. Sie findet ihren Ausdruck in der Zuwendung und Anteilnahme an der individuellen Situation der zu betreuenden Menschen (Zang 2003). Aus ihr heraus sind die Bedürfnisse und Fähigkeiten pflegebedürftiger Menschen wahrnehmbar.

Krankheit und Gesundheit meinen nie nur den Körper des Menschen allein, sondern betreffen immer auch die Lebensgeschichte eines Menschen in all ihren Bezügen. Pflegende sind mit dem Kranksein[1] einer Person im Kontext ihrer besonderen persönlichen und pflegerischen Geschichte befasst. Pflegende sorgen für Menschen, die Gesundheit, Krankheit, Schmerz, Verlust, Angst, Entstellung, Tod, Trauer, Herausforderung, Wachstum, Geburt und Veränderung erleben. Sie sind in einem engen, vertraulichen Kontakt mit den betroffenen Menschen (Benner und Wrubel 1997).

Für eine professionelle Gestaltung der pflegerischen Beziehung heißt dies, die Krankheit eines Menschen mit ihren Symptomen nicht isoliert zu betrachten, sondern das Körperempfinden sowie psychosoziale und lebensweltliche Bezüge des Betroffenen mit einzubeziehen. Pflegende sind durch ihre Beziehung zum Pflegebedürftigen in der einzigartigen Position, sowohl die Krankheitserfahrung als auch die von der Person in diese Erfahrung eingebrachten persönlichen Bedeutungen verstehen zu können (Benner und Wrubel 1997).

Das Augenmerk wird dabei auf eine individuelle Pflegebedarfserhebung gelegt, die die Sicht der Betroffenen und die Sicht der Professionellen in Einklang bringt und in eine bedarfs- und bedürfnisgerechte Intervention mündet (Harking 2004). Pflegende entwickeln ein Verständnis dafür, wie die fraglichen Symptome wahrgenommen werden und welche Auswirkungen sie auf das Leben der Person haben. Sie wissen, dass die Interpretation der Symptome durch die Person für eine adäquate pflegerische und medizinische Behandlung wichtig ist (Benner und Wrubel 1997). Erst die Möglichkeit einer auf die eigene Person und die individuelle Situation ausgerichteten Problemlösung und -bewältigung schafft für die Pflegebedürftigen die Voraussetzung, Aktivitäten der Professionellen für sich selber als sinnvoll zu erachten. Ein gemeinsam für gültig erklärter Pflegebedarf basiert auf einem gemeinsamen Entscheidungsprozess und bezieht die Bewertungskompetenzen des Pflegebedürftigen mit ein (Nestler et.al. 2001).

Ein weiteres wichtiges Kriterium zur professionellen Gestaltung der pflegerischen Beziehung befindet sich im Leibbezug der Pflegenden zu den Gepflegten. Der Körper ist Ausgangspunkt pflegerischen Handelns und der Umgang mit ihm alltäglich (Uzarewicz 2003). Wird der Körper in diesem Handeln nicht nur als funktionierende Maschine gesehen - an den man Hand anlegen muss -, sondern wird der Körperkontakt zur berührenden Begegnung, so verändert sich die Betonung der Sichtweise vom Körper hin zum Leib und bezieht das Personsein mit ein:

„Unser Körper ist als Leib Versammlungsstätte unserer Gestimmtheiten, Gebärden und Gedanken, Mittelpunkt unseres subjektiven Erlebens und Orientierungspunkt unserer Wahrnehmungen. Mit ihm und durch ihn drücken wir uns aus und stellen Verbindungen zwischen uns und der Umwelt her. In ihm versammeln sich unsere Aufnahme- und Handlungsmöglichkeiten. Er vermittelt Botschaften von uns, über uns, für uns und für andere" (Milz 1992).

Mit einer leibbezogenen Pflege ist nicht nur der bloße Körperkontakt gemeint, sondern sie geht weit darüber hinaus. Pflegerisches Handeln ist leibliches Handeln durch die Körpernähe oder anders ausgedrückt ´Pflegende berühren pflegend`. Dies impliziert ein Handeln an der ganzen Person und berücksichtigt, dass der Mensch nicht nur mittels sprachlicher Kommunikation mit der Welt in Interaktion steht, sondern dass ihn Blicke und Gesten gleichermaßen berühren (Tiesmeyer 2003; Koch-Straube 2003).

Eine so ausgerichtete Pflege kann als dialogische Pflege bezeichnet werden, die ganzheitlich ausgerichtet ist und den Schlüssel zum Befinden und Erleben der zu betreuenden Menschen in sich trägt. Besonders bedeutsam wird dies in Pflegesituationen, in denen beispielsweise ein Patient die Anwesenheit eines anderen Menschen nicht mehr tolerieren kann oder nicht mehr in der Lage ist, sich sprachlich zu äußern.

Das angestrebte Ergebnis ist somit ein dialogischer Aushandlungsprozess mit einer vom Individuum mit entdeckte, akzeptierte und selbstverantwortete Lösung, die zu seinem Lebensalltag und seinem Selbstbild passt (Harking 2004).

Darüber hinaus wird eine Begleitung des Einzelnen, unter Berücksichtigung seines spezifischen Lebens- und Krankheitsweges auch aus anderen Gründen immer wichtiger. Diese liegen zum einem in einem veränderten gesellschaftlichen Umgang mit Krankheit und Gesundheit, einer Zunahme von chronischen Erkrankungen und dem wachsenden Bewusstsein, dass Krankheit nicht einfach beseitigt werden kann, sondern evtl. lebensbegleitend ist. Damit wächst auch die Bedeutung des individuellen Erlebens von Krankheit. Unter Einbeziehung seines Lebenskontextes wird der kranke Mensch gleichberechtigt und kompetent behandelt. Es wird nicht über ihn und seine Krankheit verhandelt, sondern mit ihm. Sein individuelles Verständnis von Gesundsein und Kranksein wird einbezogen und er wird im Verstehensprozess seiner Erkrankung unterstützt.

Aber auch durch die schon stattfindenden und zukünftigen Veränderungen im Gesundheitssystem und einem veränderten Krankheitserleben und –verständnis wird eine professionelle Beziehungsarbeit in der beruflichen Pflege immer mehr an Bedeutung gewinnen:

„Die Stärkung der Patientenrechte sowie die Artikulation und Durchsetzung von Verbraucherinteressen im Gesundheitswesen drängt die über lange Zeit aufrecht erhaltene paternalistische Haltung in den helfenden Berufen zurück. Gefordert wird vielmehr eine Beziehungsgestaltung zwischen Helfer und Klienten, in der kooperative ´Arbeitsbündnisse` möglich werden. (Oelke et al. 2004:19).

[1] Unter Kranksein wird die menschliche Erfahrung von Verlust oder Dysfunktion verstanden. Krankheit dagegen bezeichnet die Manifestation bestimmter Anomalien auf der geweblichen, zellulären oder organischen Ebene. Kranksein und Krankheit beeinflussen sich wechselseitig. Das Kranksein, also die gelebte menschliche Erfahrung von Krankheit, wirkt sich durch ein spezifisches Klima aus Angst, Hoffnung, Verzweiflung oder Leugnung auf die Krankheit aus. Die Krankheit wiederum kann die menschliche Erfahrung durch direkte Auswirkungen neuroendokriner und anderer körperlicher Veränderungen und Zustände (z.B. Hunger, Erschöpfung, Durst, Muskelschwäche oder Lähmung) verändern (Benner und Wrubel 1997).

 
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